3/2026 Mut zur Haltung: Wie kleine und mittelständische Unternehmen die Demokratie stärken können

Text: Kim Kämper

Wann haben Sie das letzte Mal geschwiegen, obwohl Sie etwas sagen wollten? Dieses unangenehme Gefühl kennen viele – beim Familientreffen und in der Bahn, aber auch im Teammeeting oder im Kundengespräch. Die zunehmende Polarisierung ist nicht nur im Privaten spürbar, sondern auch im Unternehmenskontext. Warum und wie gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) Haltung zeigen können, erfahren Sie hier.

Warum Haltung heute unverzichtbar ist

Polarisierung, Informationsüberflutung und Vertrauensverlust in Institutionen prägen die gegenwärtige gesellschaftliche Atmosphäre. Politische Spannungen werden auch im Alltag spürbar. Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert – ihnen fehlen Orientierung und Stabilität.

Der Deutschland Monitor 2025 zeigt, wie sehr gesellschaftliche Unsicherheit die Demokratie unter Druck setzt: 98 Prozent der Befragten befürworten zwar die Idee der Demokratie, doch nur 60 Prozent sind mit ihrem Funktionieren zufrieden – 21 Prozent sind sogar empfänglich für autoritäre Ideen. In einem solchen Klima werden Orientierung und verlässliche Werte wichtiger.

In diesem Kontext steigt die Bedeutung von Unternehmen: Laut Edelman Trust Barometer 2025 vertrauen 69 Prozent der Beschäftigten ihren Arbeitgebenden stärker als staatlichen Akteuren. Unternehmen prägen damit also nicht nur Wirtschaft, sondern auch soziale Orientierung. Nutzen sie dies bewusst, können sie Menschen mit klaren Werten Halt geben und demokratische Kultur fördern. Gerade KMU, in denen Führung nahbar ist und Entscheidungen schnell wirken, können hier einen bedeutenden Beitrag leisten.

Der Monitor Unternehmensengagement 2025 zeigt jedoch ein Dilemma: Der Großteil der Unternehmen findet, dass die Wirtschaft öffentlich demokratische Werte vertreten sollte – aber nur wenige tun es. Viele fürchten Missverständnisse oder wirtschaftliche Risiken.

Wenn Zurückhaltung zum Risiko wird

2025 wurde deutlich, wie schnell Unternehmen mitten in politische Debatten geraten. Als der Verband der Familienunternehmer ankündigte, Vertreter der AfD zu Veranstaltungen einzuladen, folgten bundesweite Boykottaufrufe. Einige Unternehmen – darunter Rossmann und Vorwerk – traten aus, während andere bewusst schwiegen.

Der Fall zeigt: Sowohl Haltung als auch Zurückhaltung haben Konsequenzen. Gerade KMU stehen nah an Kundschaft, Mitarbeitenden und regionaler Öffentlichkeit. Ihr Verhalten wird wahrgenommen und bewertet.

Gleichzeitig wünschen sich viele Unternehmen, „politisch neutral“ zu bleiben – doch genau hier entsteht oft die größte Unsicherheit. Neutralität darf nicht mit Wertelosigkeit verwechselt werden. Das Betriebsverfassungsgesetz verlangt parteipolitische Neutralität, aber demokratische Grundwerte dürfen und sollen geschützt werden. Auch wirtschaftlich gilt: Eine stabile Demokratie bietet Rechtssicherheit, Planbarkeit und ein offenes Marktumfeld. Instabilität, Desinformation oder extremistische Bestrebungen gefährden langfristig Fachkräftegewinnung, Märkte und Innovationsfähigkeit.

Was KMU konkret tun können

KMU können im Alltag schon mit wenigen Schritten demokratische Kultur fördern. Die Landkarte des Handelns der Universität St. Gallen und Scholz & Friends bietet einen einfachen Überblick über 17 Bereiche, in denen Unternehmen ihre demokratische Kultur stärken können. Der kostenlose Strategie-Kompass steht über den QR-Code zum Download bereit.

Auf dieser Grundlage lassen sich für KMU folgende praxisnahe Ansatzpunkte ableiten:

1. Haltung definieren und verlässlich leben

Gerade in KMU zeigt sich Haltung im direkten Miteinander. Werte sollten klar formuliert, regelmäßig angesprochen und im Zweifel auch dann eingehalten werden, wenn es unbequem wird. Entscheidend ist nicht eine große Strategie, sondern das Verhalten in konkreten Situationen:

● Ein Handwerksbetrieb, der klar kommuniziert, dass Beleidigungen gegenüber Mitarbeitenden nicht akzeptiert werden.
● Ein Familienunternehmen, das bei Stammtischparolen im Pausenraum widerspricht.
● Ein Betrieb, der Kooperationen ablehnt, wenn Partner diskriminierendes Verhalten zeigen.

2. Demokratisch führen

Demokratische Prinzipien können auch ohne große Strukturen im Arbeitsalltag verankert werden: durch Transparenz, Mitsprache und offene Gespräche. Schon kleine Formate wirken: ein monatliches Teamgespräch, kurze Info-Runden zu Entscheidungen oder das gemeinsame Entwickeln von Leitlinien. Damit haben KMU einen direkten Einfluss auf die demokratische Orientierung ihrer Mitarbeitenden. Denn der Deutschland Monitor 2025 zeigt: Menschen, die sich einbezogen fühlen, handeln konstruktiver und demokratischer.

3. Räume für Dialog schaffen

Eine gelebte Demokratie im Arbeitsalltag braucht Orte der Begegnung und des Austauschs. Doch Dialogformate müssen nicht aufwendig sein. Gerade für KMU eignen sich kurze, regelmäßige Check-ins wie:

● eine wöchentliche 15 Minuten Morgenrunde, um Informationen zu teilen und aktuelle Herausforderungen offen anzusprechen,
● ein monatlicher „Team Lunch mit Impuls“, bei dem etwa ein kurzer Erfahrungsbericht oder ein praktischer Hinweis zum Umgang mit schwierigen Situationen geteilt wird,
● ein kurzes moderiertes Gespräch bei Konflikten, um Missverständnisse früh aufzulösen,
● eine benannte Ansprechperson des Vertrauens, an die sich Mitarbeitende wenden können, wenn sie Unsicherheiten, diskriminierende Situationen oder schwierige Kund:innenkontakte erleben.

4. Mitarbeitende stärken

Trainings zur Gesprächsführung, zum Umgang mit Desinformation oder zu diskriminierenden Situationen müssen nicht viel Zeit kosten. Das Programm Business Council for Democracy (BC4D) bietet KMU einen guten Einstieg, um faktenbasiert und respektvoll zu diskutieren: kostenlos, online, drei kompakte Sitzungen à 90 Minuten. Oft reicht die Teilnahme von ein bis zwei Mitarbeitenden, die ihr Wissen anschließend intern weitergeben können. Auch einfache Materialien – etwa AGG-Leitfäden oder kurze Merkblätter – bieten Mitarbeitenden Sicherheit darin, Diskriminierung zu
erkennen und zu verhindern.

5. Über Unternehmensgrenzen hinweg wirken

Demokratische Unternehmenskultur endet nicht am Werkstor. KMU können sich unkompliziert vernetzen und Unterstützung finden – besonders über Angebote, die direkt auf Arbeitswelt und Mittelstand ausgerichtet sind:

● Angebote der IHK vermitteln praxisnahe Unterstützung, z. B. zu Konfliktprävention, Unternehmenswerten oder dem Umgang mit schwierigen Kund:innen. Viele Formate sind kostenfrei oder sehr günstig und direkt auf den Mittelstand zugeschnitten.
● Die Charta der Vielfalt ermöglicht ein sichtbares Bekenntnis zu Respekt und Gleichbehandlung, ohne bürokratische Hürden. Auch ohne Unterzeichnung sind viele Materialien wie Leitfäden und Selbsteinschätzungs-Tools kostenlos online verfügbar.

Schon kleine Schritte können viel bewirken: die Teilnahme an einem Workshop, das Bereitstellen eines Raums für ein lokales Netzwerk oder die Unterstützung eines Projekts im eigenen Stadtteil.

Haltung wird vor allem dann sichtbar, wenn Werte auch in schwierigen Situationen umgesetzt werden. KMU, die dies tun, geben ihren Mitarbeitenden Orientierung und stärken zugleich die demokratische Kultur, auf der unser Zusammenleben und unsere Wirtschaft beruhen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen prägen ihre Regionen – und damit das gesellschaftliche Klima vor Ort.


Zur Autorin:

Kim Kämper studiert Psychologie im Master und ist aktuell Praktikantin in der Unternehmens- und Personalentwicklung. Ihr Fokus: Arbeit so gestalten, dass Menschen gut und gesund zusammenarbeiten können.