2/2026 Ein Sonntag für die digitale Selbstbestimmung

Text: Jana Redelstein

Was machen Sie am ersten Sonntag im Monat?
Bei mir entscheidet meist das Wetter. Spaziergang oder Sofa. Buch oder Bildschirm. Früher oder später lande ich ziemlich zuverlässig auf der Couch.
Genau dort setzt eine neue Initiative an, die seit Januar 2026 zu einem kleinen, aber wirkungsvollen Perspektivwechsel einlädt: DI.DAY. Einmal im Monat, am ersten Sonntag, geht es darum, für ein paar Minuten bewusst auf die „gute Seite“ zu wechseln – digital gesehen.

Ein digitaler Unabhängigkeitstag

DI.DAY steht für Digital Independence Day, auf Deutsch auch „Digitaler Unabhängigkeitstag“ (DUT). Der Name ist bewusst groß gewählt, das Vorgehen jedoch niedrigschwellig. Ziel der Bewegung ist es, Menschen für die Marktmacht einiger weniger Tech-Konzerne zu sensibilisieren – und ganz konkret Alternativen aufzuzeigen.

Denn Hand aufs Herz: Unser digitaler Alltag ist bequem. Suchmaschine, E Mail, Cloud, Messenger, Navigation – vieles stammt von denselben wenigen Anbietern. Das Problem ist weniger die Technik an sich, sondern das Geschäftsmodell dahinter: Daten sammeln, auswerten, zusammenführen. Oft mehr, als uns bewusst ist.

Oder anders gesagt: Wer sehr, sehr lange – wirklich lange – keine Nachrichten mehr geschaut hat, hier die Kurzfassung: Große Tech-Unternehmen gehen nicht immer besonders sorgsam mit persönlichen Daten um. Und wer jetzt denkt: „Warum sollten die sich ausgerechnet für mich interessieren?“ – genau diese Annahme ist Teil des Problems. Es geht nicht um einzelne Personen, sondern um Muster, Profile, Wahrscheinlichkeiten. Um Daten als Rohstoff.

Kleine Schritte statt digitalem Totalumbau

Hier kommt der DI.DAY ins Spiel. Die Initiative fordert nicht zum radikalen digitalen Neuanfang auf, sondern zu kleinen, machbaren Schritten. Ein paar Minuten Sonntags-Sofazeit reichen oft schon aus, um zumindest einen Dienst zu hinterfragen – und möglicherweise zu wechseln.

Konkret umgesetzt ist das in sogenannten „Wechselrezepten“. Diese geben an, wie viel Zeit ein Umstieg ungefähr dauert und welches Schwierigkeitslevel zu erwarten ist.

Ein klassisches Beispiel für Anfänger:innen: der Wechsel der Suchmaschine. Statt automatisch Google zu nutzen, lassen sich Alternativen ausprobieren – datensparsam, transparent, europäisch. Die Webseite https://di.day/de gibt Empfehlungen und liefert, wo nötig, verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Mitmachen, weitersagen – fertig

Ist der Wechsel vollzogen, freut sich der DI.DAY über etwas Unterstützung: Erzählen Sie davon. Wo genau, ist zweitrangig. Ob Messenger, Social Media oder beim Sonntagskaffee – Hauptsache, die Idee verbreitet sich. Wer mag, nutzt dazu die augenzwinkernden Hashtags #DIDit oder #DUTgemacht.

Besonders sympathisch an der Initiative ist dabei ihr pragmatischer Ansatz: Es geht nicht um „Alles oder nichts“. Niemand verlangt, bestehende Konten sofort zu löschen oder gewohnte Dienste von heute auf morgen abzuschalten.

Ergänzen statt löschen

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Der sanfte Übergang funktioniert. Ich habe beispielsweise einen empfohlenen alternativen E Mail-Dienst eingerichtet – meinen bisherigen Anbieter aber nicht sofort aufgegeben. Neue Registrierungen laufen nun über die neue Adresse, wichtige Kontakte informiere ich nach und nach.

Das Ergebnis: Der alte Posteingang wird langsam leerer. Weniger wichtig. Irgendwann vielleicht überflüssig. Ganz ohne Stress.

Ein Sonntag, der etwas verändert

Der DI.DAY will keine Technik verteufeln und niemanden bekehren. Er will ermutigen. Zum Nachdenken, zum Ausprobieren, zum bewussteren Umgang mit digitalen Werkzeugen.

Vielleicht bleibt es beim Wechsel der Suchmaschine. Vielleicht wird es irgendwann mehr. Aber selbst dann gilt: Jeder Schritt zählt.

Und wer weiß – vielleicht fühlt sich der nächste erste Sonntag im Monat dann nicht nur gemütlich an, sondern auch ein kleines bisschen selbstbestimmter.


Zur Autorin:

Jana Redelstein arbeitet als Business Analystin in der Versicherungsbranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung des Kundenportals ihres Arbeitsgebers.

IGU e. V.