4/2025 Exnovation – Warum Aufhören manchmal die beste Entscheidung ist

Text: Klara Falke

In deutschen Unternehmen wird gerne optimiert, digitalisiert und transformiert. Innovation ist das Zauberwort, das in jeder Präsentation glänzt. Aber: Wer das Neue liebt und das Alte nie loslässt, schafft sich mit der Zeit ein Sammelsurium aus Prozessen und Tools – und verliert dabei den Überblick, sowohl im Büro als auch im Kopf. Überforderung, Doppelarbeit und Frust sind dann oft die Folge.

Willkommen in der Welt der Exnovation! Das klingt erstmal wie ein Tippfehler, ist aber tatsächlich ein ziemlich cleveres Konzept: Es geht ums bewusste Aufhören. Schluss mit Prozessen, Tools und Gewohnheiten, die uns mehr bremsen als bringen. Exnovation ist nicht einfach nur „Entrümpeln“, sondern ein strategischer Schritt, der Unternehmen effizienter, flexibler und zufriedener macht. Während beim Entrümpeln oft nach Bauchgefühl aussortiert wird, geht es bei Exnovation um gezielte Entscheidungen, die auf den Unternehmenserfolg einzahlen.

Was ist Exnovation – und warum reden plötzlich alle darüber?

Exnovation ist wie das Ausmisten im Keller – nur eben im Unternehmen. Statt „Das haben wir immer so gemacht“ heißt es: „Brauchen wir das wirklich noch?“ Und nein, das ist nicht einfach nur Entrümpeln. Es ist strategisch, effizient und manchmal sogar befreiend. Auch die Organisationspsychologie bestätigt: Das bewusste Beenden von Routinen kann Stress reduzieren, Entscheidungsprozesse beschleunigen und die Innovationsfähigkeit steigern.

Typische Kandidaten für die Exnovationsliste:

● Der wöchentliche Jour fixe, bei dem mehr Kaffee fließt als Ideen.
● Die Excel-Tabelle mit 47 Spalten, die nur eine Kollegin versteht – und sie ist seit 2021 in Rente.
● Die Faxmaschine, die nur noch Geburtstagsgrüße vom Steuerberater empfängt.

Wie viel Zeit kostet das Festhalten am Alten wirklich?

Schätzungen zufolge gehen in kleinen und mittleren Unternehmen jährlich rund ein Zehntel der Arbeitszeit für ineffiziente Abläufe verloren. Das entspricht fast fünf Arbeitswochen pro Mitarbeitendem – und diese Zeit steckt häufig in Meetings, doppelter Dokumentation oder Abstimmungsschleifen, die niemand wirklich braucht. Viele KMU berichten zudem, dass sie im Alltag mit einer Vielzahl paralleler Prozesse zu kämpfen haben, die sich gegenseitig ausbremsen und für unnötige Komplexität sorgen.

Auch auf politischer Ebene wird inzwischen verstärkt darauf geachtet, veraltete Strukturen und Systeme gezielt abzulösen – etwa durch Förderprogramme, die Unternehmen beim Abschied von überholten Technologien und Prozessen unterstützen, zum Beispiel in der Energie- oder Mobilitätsbranche.

Was sollten Sie also dringend mal auf den Prüfstand stellen?

Die Gewohnheits-Inventur: Fragen Sie Ihr Team: Was machen wir regelmäßig, das eigentlich niemand vermissen würde? Oft sind es kleine Routinen, die sich über Jahre eingeschlichen haben.

Der Tool-Check: Welche Software nutzen Sie wirklich? Und welche ist nur da, weil sie „damals gut funktioniert hat“?

Mut zur Lücke: Nicht jede Lücke muss sofort gefüllt werden. Manchmal entsteht durch das Weglassen Raum für neue Ideen – oder einfach mal für eine ruhige Minute.

Exnovation feiern: Machen Sie aus dem Abschied ein Ritual – zum Beispiel mit einem „Exnovations-Freitag“, an dem bewusst Prozesse hinterfragt und ggf. beendet werden. Oder wie wäre es mit einer gemeinsamen „Was-können-wir-loslassen“-Woche im Team? Jeder darf eine Sache nominieren – mit Begründung.

Wann haben Sie zuletzt etwas bewusst beendet?

Probieren Sie es aus: Legen Sie diese Woche eine Exnovationsliste an, lassen Sie Ihr Team Vorschläge machen und feiern Sie jeden Prozess, den Sie loslassen können. Sie werden überrascht sein, wie viel Energie und Kreativität dadurch frei wird – und wie viel Platz plötzlich wieder ist.

Wie auch die Organisationsforschung betont, entsteht Raum für Neues und wirklich innovative Entwicklungen erst dann, wenn Unternehmen bereit sind, sich von Überholtem zu trennen. Wer Altes loslässt, beugt Überforderung vor und schafft die Grundlage dafür, dass Innovationen nicht zur Belastung werden, sondern echten Mehrwert bringen. Denn manchmal ist der klügste Schritt im Arbeitsalltag nicht der nächste – sondern der letzte.


Zur Autorin:

Klara Falke arbeitet in der Unternehmens- und Personalentwicklung und beschäftigt sich gerne mit Systemen und Menschen in Veränderungsprozessen.

IGU e. V.